Neu im Kino: Akins Seelenküche

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Weihnachten ist Fatih Akins „Soul Kitchen“ angelaufen und hat am Startwochenende 163.000 Besucher angelockt, mehr als irgendeiner seiner früheren Filme. Publizistisch wurde der Start allerorts sehr freundlich vorbereitet, jede Menge Portraits und Interviews mit Akin gab es vorab zu lesen, darin durfte sich der einzige deutsche Regisseur neben Christian Petzold und Tom Tykwer, dessen Filme in die Wettbewerbe internationaler großer Filmfestivals eingeladen werden und der sich noch nicht im Rentenalter befindet, sympathisch wie stets geben. Keiner hat ihn auf die unschöne Auseinandersetzung mit Alexander Wall(asch) angesprochen. Oder aber er hat sich geweigert, dazu etwas zu sagen. Wenigstens das hätte man dann gerne gelesen. Vielleicht will einfach keiner seinen Status gefährden oder Mitschuld an einer Demontage haben.

Ihr werdet es mitbekommen haben: „Soul Kitchen“ ist eine Komödie über einen griechischen Kneipenbesitzer, der Probleme mit seiner blonden Hanseatentussi, seinem Rücken, seinem neuen, ambitionierten Koch und mit seinem halbkriminellen Bruder hat. Und es soll gleichzeitig eine Liebeserklärung Akins an Hamburg sein und zwar sympathischerweise an das von ungehemmter Gentrifizierung bedrohte Hamburg. Gedreht wurde vor allem in Wilhemsburg, weil das dem Ottensen vor zwanzig Jahren näher komme, als Ottensen heute, wie es vorab hieß, weshalb ich erwartete, dass der Film auch Ende der Achtziger spielt. Bei Ansicht einiger Filmschnipsel im Fernsehen stellte ich allerdings fest, dass das keineswegs der Fall ist. Sah alles sehr heutig und vor allem nicht wirklich gut aus. Das Restaurant Soul Kitchen wirkte nicht wie ein Restaurant, sondern wie ein mit sehr wenig Mitteln eiligst in eine Fabrikhalle hingezimmerte Restaurantkulisse in einem deutschen Fernsehfilm und das Gefuchtel und Gerede der Darsteller, allen voran Moritz Bleibtreus, erinnerte leider auch an einen solchen.

Milde wird mich im Kino sicher der geschmackvolle Soundtrack stimmen, der dem echten „Soulkitchen“ Tribut zollt, einer liebenswerten Rare-Groove-Kaschemme in der Bernhard-Nocht-Straße, einem der schönsten Ausgehorte, den die Stadt je hatte. Das war Anfang der Neunziger, der lebendigsten und aufregendsten Zeit in St. Paulis jüngerer Vergangenheit. Nur schade, dass die Restaurantgeschichte des Film weder mit der Ära noch mit dem Ort viel zu tun hat.

Ich fürchte ein wenig, dass „Soul Kitchen“ der erfolgreichste und gleichzeitig schwächste Akin-Film sein könnte, auch wenn die Kritiken fast durchweg begeistert klingen. Aber da gibt es, wie gesagt, Grund zum Misstrauen.

Einer der wenigen, die nicht ins gleiche Horn stoßen, ist Thomas E. Schmidt in der Zeit: „Die Wahrheit ist, dass hier das Lokalkolorit mit der Zeit von den Genregesetzen der neuen deutschen Filmcomedy aufgesogen wird. Das gelebte Leben, der Charme des Spontanen, Ungebürsteten, Schmuddeligen, das Klaus-Lemke- oder vielleicht sogar Scorsesehafte verschwindet. Das Drehbuch siegt in Soul Kitchen einigermaßen früh über das Milieu, aber eine solide Filmkomödie kommt deswegen noch nicht zustande. (…) Akins Geschichte ist nicht gebaut, da entwickelt sich nichts, sondern sie hangelt sich von Pointe zu Pointe. Gutes Kinohandwerk sieht anders aus.“

Und Schmidt ist auch der einzige, in dessen Kritik auf den Konflikt mit Wall angespielt wird, elegant und witzig, allerdings nur verständlich, wenn man den Handlungsort des Romans kennt, zu dem es die auffälligen Ähnlichkeiten gibt: „Wir sind ziemlich angetan davon, wie rasch und sicher Akin die Fäden zu einer soliden Alltagswahnsinnsgeschichte aufnimmt, die im Prinzip natürlich überall, beispielsweise auch in Braunschweig, spielen könnte …“

Wall selber hatte ich, nachdem er hier im Blog als Kommentator aufgetaucht war, nach seiner Meinung zum Film gefragt. „Korrekt gute Unterhaltung. Wenn er auch auf mich mitunter etwas vorhersehbar wirkt“, so sein Urteil. Keine Ahnung, wie er es schafft, so freundlich zu bleiben. Das Hamburger Landgericht hat die einstweilige Verfügung, die Akin Wall ins Haus geschickt hat, bestätigt. Wall, der nie laut „Plagiat“ geschrien und keinerlei Forderungen gestellt hatte, sitzt mit Maulkorb da und darf zahlen. Mehrere tausend Euro. Eine schriftliche Begründung des irrwitzigen Gerichtsurteils steht noch immer aus.

„Soul Kitchen“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu seit Weihnachten:

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Und außerdem neu seit Silvester:

  • Ein neuer Film von John Sayles, in dem er US-amerikanische Frauen in einem Hotel irgendwo in der südlichen Hälfte Amerikas darauf warten lässt, dass sie Dritt-Welt-Babys adoptieren können. Wie üblich bei Sayles ist das kein großes Drama, stattdessen wird viel geredet und den Rednerinnen nüchtern zugeguckt, ohne sie bloßzustellen. Hört sich alles gut an, könnte aber ein wenig zäh geraten sein. („Casa de los Babys„)
  • Eine französische Komödie über Rassismus und Skifahren. Der Arbeitstitel war wahrscheinlich „Neger im Schnee“. („Triff die Elisabeths„)
  • Eine Romcom mit Catherine Zeta-Jones („Lieber verliebt„)
  • Das offenbar miserable Remake eines Achtziger-Jahre-Thrillers, der wohl auch schon nicht so doll war. („Stepfather„)
  • Und ein türkischer Western. („Yahsi Bati„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Neu im Kino: Akins Seelenküche”

  1. Thies

    Ich ärgere mich ein wenig, dass ich nicht sofort in der ersten Woche in „Wo die wilden Kerle wohnen“ reingegangen bin. Jetzt läuft er nur noch in zwei Kinos und dass auch nur noch zur Unzeit um 14:00 Uhr.

    Stattdessen durfte ich mich an James Camerons Animations-Öko-Märchen „erfreuen“, das an der Oberfläche unterhaltsam genug war, aber dafür inhaltlich derart vorhersehbar abgespult wurde, dass daneben „Titanic“ geradezu avantgardistisch wirkte. („Wie, das Schiff rammt einen Eisberg?“) Also kein neues SF-Meisterwerk, aber dank 3-D immerhin beeindruckendes Eye-Candy. Anders als bei Emmerichs „2012“ fühlte ich mich hinterher auch nicht so vollkommen zugedröhnt, als hätte ich versucht zwei Tüten Lebkuchen auf Ex zu verdrücken.

    Einen wirklich schönen Bilderrausch bietet dafür der neue Gilliam „Das Kabinet des Dr. Panassus“, den ich als Preview bestaunen konnte. Dies nur schon mal als mundbewässernde Information für den Januar.

    Um aber auch mal was zu den aktuellen Kinostarts zu sagen: „Soul Kitchen“ interessiert mich natürlich sehr, aber ich habe auch den letzten Akin noch nicht gesehen – der liegt hier immer noch auf DVD rum und bittet um Kenntnisnahme. Mal schauen, welchen ich mir zuerst ansehen werde.

    Das Original von „Stepfather“ habe ich als netten kleinen B-Film in Erinnerung und so möchte ich ihn dann auch gerne in Erinnerung behalten. Der Regisseur des Remakes hatte uns bereits letztes Jahr mit dem Remake von „Prom Night“ heimgesucht, dass eine ziemliche Frechheit sein soll. Es spricht nicht unbedingt für Hollywood, dass die Remake-Welle jetzt schon die Nachzügler der Original-Slasher-Welle erfasst. Wann kommt das Remake von „Scream“?

    Einen guten Rutsch und alles Gute für das Kinojahr 2010.

  2. Gunnar

    Dank dir für die weitergehenden Infos. Beim nächsten Remake eines Achtziger-Jahre-Gernrefilms schreibe ich gleich „Mehr dazu hoffentlich bald unten im Kommentar von Thies“ dazu. Dir und allen, die das hier lesen wünsche ich auch ein gutes Jahr 2010. Im Kino und überall.

  3. Anselm

    Wieder toll geschrieben!
    Schön, das Du die Wallasch-Akin-Story weiter kritisch begleitest.
    Ingo Niermann hat in SUBWAY auch gut zusammengefasst:

    http://www.subway.de/lebensraum/kolumnen/?hnr=&tx_mfarticle_pi1%5BshowUid%5D=9873&cHash=5993496167&hnr=266

    Hinzuzufügen vielleicht noch, das die großen Zeitungen (WELT, Hamburger Abendblatt, Süddeutsche, TAZ, Freitag, Berliner und weitere mehr) natürlich auch bereits mit dem Maulkorb der Akin-Anwälte geschrieben haben. Manche direkt (das Hamburger Abendblatt hat seinen Artikel sogar aus dem Netz genommen, bzw. nehmen müssen(?)) andere verdekct bzw. in Vorauseilendem Gehorsam.

    Fazit: Wallasch spricht von Ähnlichkeiten. Die Presse bestätigt das. Um den Vorwurf aus der Welt (bzw. WELT) zu schaffen, wird der Vorwurf einfach überhöht: „Wall(asch) hätte beahuptet, sein Buch sei von Akin verfilmt worden!!“ Ergebnis: Es kann festgestellt werden, das es ja NUR Ähnlichkeiten sind.
    Die Anwaltstaktik scheint leider aufzugehen.