Neu im Kino: Spiel und Spiegel

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Terry Gilliam, dem grandiosen und manchmal etwas wirren Weltenerschaffer, ist während der Drehabeiten von „Dr. Parnassus“ tragischer- wie bekannterweise einer der Hauptdarsteller weggestorben: Heath Ledger wurde für die restlichen Dreharbeiten durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt. Immer wenn die Ledger-Figur durch einen Spiegel fantastische Welten betritt, wird sie dort von einem anderen Darsteller weitergespielt. Einfach so, offenbar ohne jede Erklärung. Ein sympathisch frecher Ausweg aus der Katastrophe, in die sich ein Gilliamsches Filmprojekt mal wieder verwandelt hatte. Den Spiegel hält der Dr. Parnassus aus dem Titel, eine Art Alter Ego Gilliams, in seinem heruntergekommenem „Imaginarium“ für zahlendes Publikum bereit. Um eine faustische Wette und eine schöne Tochter geht es außerdem, wobei der Leibhaftige von Tom Waits gespielt wird. Mit Sicherheit ist das Ganze wieder ein Augenschmaus, wie ihn außer Gilliam höchstens noch Guillermo del Toro oder Tim Burton bereiten können. Ich bin gespannt, ob ich mich dem werde hingeben können, oder aber genervt darauf reagiere, wenn die spektakulären Einfälle fässerweise über mich ausgeleert werden. Vielleicht sollte ich mich vor dem Kinobesuch mit bekanntermaßen dafür geeigneten Substanzen in einen Zustand begeben, in dem das debile Staunen leichter fällt. Und das Denken schwerer.

Dabei fällt mir „Tideland“ ein, der ist immer einen Hinweis wert, der Gilliam-Film von 2005, der bei uns nicht in die Kinos kam und entsprechend wenig Beachtung gefunden hat, mit Jeff Bridges als Drogenwrack und jeder Menge wogender Kornfelder. Hat mir – vollkommen nüchtern – ausgesprochen gut gefallen. (Gibt es überall auf DVD.)

Und der Don-Quichote-Film, dessen Dreharbeiten, wie in „Lost in La Mancha“ dokumentiert, wegen widrigster Umstände vor annähernd zehn Jahren abgebrochen werden musste, wird tatsächlich in diesem Jahr fertiggestellt, falls der Teufel oder sonstwer oder -was nicht dazwischenkommt. Mit Robert Duvall statt Jean Rochefort als Hauptdarsteller. Und wieder mit Johnny Depp. Kaum zu glauben.

„Das Kabinett des Dr. Parnassus“: Trailer | Links | Kinos

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Frau, die als Zimmermädchen arbeitet, sieht Hotelgästen, einem Paar, beim erotisch aufgeladenen Schachspiel zu und verfällt ebenfalls dem Spiel mit unvermeidlichen Folgen für Liebe und Leben. Das hört sich zugegebenermaßen ganz grässlich an, doch handelt es sich um einen nüchtern inszenierten französischen Film mit der grandiosen Sandrine Bonnaire in der Hauptrolle, der also durchaus sehenswert sein könnte. Bonnaire hat schon mehrfach romantische Schmonzetten wie etwa „Die Frau des Leuchturmwärters“ zu Glanzstücken gemacht. Ich wage, wie immer ungesehen, eine Empfehlung.

„Die Schachspielerin“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein reichlich unoriginelles Roadmovie aus Norwegen, in dem ein depressiver Skilift-Ticketverkäufer auf die Reise geht, um seinen Sohn zu besuchen, von dem er gerade erst erfahren hat. Der Kauz trifft unterwegs wohl, wie immer, auf jede Menge weiterer Käuze und zu sehen gibt es lauter verschneite Landschaften, durch die der Reisende mit einem Schneemobil zuckelt. Ist bestimmt ganz charmant, aber ich mag einfach nicht mehr, es ist genug. („Nord„)
  • Die „erste deutsche Komödie über das Studentenleben“ (Pressetext) will ich trotz wohlwollender Kritiken nun wirklich nicht sehen. („13 Semester„)
  • Der „Twilight“-Erfolg zeitigt erste Folgen: Zwei Jungen geraten in einem Kampf zwischen liebe und böse Vampire. Der titelgebende Zirkus soll ein wenig Gilliamesk daherkommen, aber weder die Inszenierung noch der Plot scheinen recht überzeugend geraten zu sein. Die Jugendbuchvorlage erschien bereits 2001. Regie führte Paul Weitz. („Mitternachtszirkus„)
  • Ein mieser Actionthriller mit Gerard Butler über Computerspiele mit realen Menschen als Spielfiguren. („Gamer„)
  • Mit einer Handvoll Kopien startet ein deutscher Film, der auch mit einer fantastischen Welt hinter einem Spiegel aufwartet. Auf der realen Seite hockt eine Jüdin versteckt im kleinen Kämmerlein, mitten in Nazi-München. Wurde bemerkenswerterweise ohne Fernsehgeld finanziert. „Melodram, Film noir, Stummfilmästhetik, expressionistischer Film und Theater fügen sich zu einem klaustrophobischen Kammerspiel“, schreibt Julia Teichmann im Filmdienst. Vielleicht taugt das ja was. Läuft nicht in der Kinoprovinz Hamburg. („Das Zimmer im Spiegel„)
  • Auch nur mit winziger Kopienzahl startet der zweite Film von Lucía Puenzo, der argentinischen Regisseurin von „XXY„. Wenn man Sabine Vogels höchst unterhaltsame Inhaltsbeschreibung liest, will man den Film sofort sehen. Bis sich herausstellt, dass es gar nicht um ihn geht. („Das Fischkind„, läuft auch nicht in der Kinoprovinz). (Sabine Vogel ist übrigens tatsächlich die Sabine Vogel, die gemeinsam mit Thomas Kapielski, Helmut Höge und all den anderen Schreibern in den späten Achtzigern die taz zu einer unverzichtbaren Zeitung gemacht haben mit all ihren verspielten und völlig unvorhersehbaren Beiträgen für die Berlin Kultur und die Medienseite. Bis ungefähr 1991 wieder sämtliche Ressorts in korrekter Langeweile erstickt wurden. Vogel ist offenbar schon seit Jahren Redakteurin bei der Berliner Zeitung und es gibt haufenweise Texte von ihr im Archiv.)
  • Eine Romcom mit Hugh Grant und Sarah Jessica Parker. („Haben Sie das von den Morgans gehört?„)
  • Eine weitere Folge der unendlichen Reihe von Buddhismus-Dokus, für die es hierzulande, wo die meisten auch produziert werden, einen unerschöpflichen Markt zu geben scheint. („Dolpo Tulku – Heimkehr in den Himalaya„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Neu im Kino: Spiel und Spiegel”

  1. Thies

    Zu „Parnassus“: der Film legt auf Geschlossenheit der Handlung und der Figuren nur wenig wert, was natürlich den eher Story-orientierten Zuschauern wenig entgegen kommt. Zuweilen scheint er auch an Nebenschauplätzen ein wenig zu lange zu verweilen, wodurch der Erzählfluss ins Stocken gerät. Aber er ist auch nie so in seine Set-pieces verliebt wie seinerzeit „Münchhausen“. Und der Kniff mit der Auswechslung des „Hauptdarstellers“ ist perfekt gelungen, da er den Übergang zwischen „Realität“ und Traumwelt deutlicher herausstellt. Ein wahrer Genuss ist übrigens Tom Waits als Teufel den ich zuerst garnicht erkannt hatte. Alles in allem: ein echter Gilliam und damit eine klare Empfehlung.

    Zu „13 Semester“: mich reizt der Film schon, aber das hat halt mit dem Drehort Darmstadt zu tun. Nicht dass ich dort (oder überhaupt) studiert hätte, aber da ich dort immerhin die Hälfte meines Lebens verbracht habe, freue ich mich über jedes Wiedererkennen der ehemaligen Heimat sei es in Film oder im TV.

    Zu „Mitternachtszirkus“: irgendwie lustig, dass jetzt beide Weitz-Brüder in getrennten Franchises bei den Vampiren gelandet sind. Aber vielleicht immer noch besser, als bis in alle Ewigkeit „American pie“-Fortsetzungen drehen zu müsssen.

    Mein Kommentar zu „Haben Sie das von den Morgans gehört“ klingt vielleicht etwas chauvinistisch, aber Sarah Jessica Parker sah für mich im Trailer mit ihren eingefallenen Wangen und hervortretenden Augen wie die mumifizierte Merryl Streep aus. Kann der guten Frau mal jemand eine kräftige Hühnerbrühe kochen bevor sie vor laufender Kamera verhungert?

  2. Gunnar

    Dank dir für die Anmerkungen. Dass der kleine Weitzbruder bei „New Moon“ Regie geführt hat, hatte ich schlichtweg wieder vergessen. Eine wirklich hübsche Koinzidenz.
    Und wenn keiner Sarah Jessica Parker eine Hühnerbrühe bringt, verhilft ihr der untote Look vielleicht zu Hauptrollen in zukünftigen Vampir-Romcoms.